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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag,
20. September 2002
kfm

Deutsche Erstaufführung von Luciano Berios "La vera Storia" in Hamburg
EINE OPER? EINE RICHTIG GUTE SOGAR!



Foto: Eine grosse Frau in einer grossen Oper: Milva in Hamburg.
Foto: Arno Declair
 

Die Hanseaten sind irritiert. Jubel gibt es nicht, Buhs auch nicht. Man klatscht freundlich in der Hamburger Staatsoper, versichert sich in der Pause und beim Heimweg gegenseitig eines "alles in allem spannenden Abends". Doch immer wieder hört man die Frage "Was war denn das?".
Oberflächlich ist sie einfach zu beantworten: die deutsche Erstaufführung von Luciano Berios (geboren 1925) Musiktheater "La vera Storia" (Die wahre Geschichte). Ziemlich genau zwei Jahrzehnte nach der Uraufführung in der Scala. Doch damit hat es sich auch schon mit der Eindeutigkeit. Der Komponist sagt es so: "Eine Oper? Ja und nein!"
Aber diese Selbsteinschätzung lag wohl auch an der Zeit:In den frühen 80ern war die vielleicht kunstvollste, sicher aber künstlichste Kunstgattung unserer Zivilisation nämlich noch verdächtiger als heute. Drum musste sich absichern, wer nicht in den Ruch bürgerlicher Reaktion geraten wollte.

Also erzählt der Musiker Luciano Berio die Worte des Dichters Italo Calvino doppelt:Im ersten Teil als Katalog der Möglichkeiten traditionellen Musiktheaters. In gleichwohl sehr zeitgenössischen Arien, Duetten, Canzonen, Concertati, Balladen über gestanzte Situationen und Zustände aus dem Kanon italienischer Librettistik. Im zweiten weicht dies alles einem weitaus zerbrechlicheren Continuum aus Klang und Gefühl. Im ersten Teil regiert die Wut, im zweiten deren Vergeblichkeit. Oder so ähnlich.

Die Geschichte lehnt sich lose an Verdis "Trovatore" an und ist eigentlich keine - aber ohnehin egal. Denn wie in so vielen wirren Verdi-Opern geht es nicht um Logik, sondern um das Leben. Also ist "La vera Storia" natürlich eine Oper, und zwar eine richtig gute. Eine, die sich als Gattung selbst thematisiert, dies aber bei aller intellektuellen Vielschichtigkeit vor allem emotional tut. Und sie ist eine, der der Regisseur theatralisch nicht über den Weg traut. So sind die doppelten Böden und Brüche, der Realität verhindernde Realismus des Strehler-Schülers Henning Brockhaus der Schwachpunkt des Abends. Aber der ins Leere laufende Aktionismus, mit dem er die wunderbar wandelbare fahle Piazza-Bühne Ezio Toffoluttis zukübelt, schadet der Musik nicht wirklich.

Der verhilft im Graben Opernchef Ingo Metzmacher zu ihrem Recht. Und er macht das fabelhaft. Die kalte Gewalt, mit der sich der erste Teil in weiten Bögen gegen die faschistoiden Mechanismen auf der Bühne stemmt, lässt Metzmacher unerbittlich gellen. Die vernarbte Irritation des zweiten Teils fährt bis tief ins Mark. Das Philharmonische Staatsorchester folgt ihm bis in die feinsten Verästelungen, der Chor leistet Atemberaubendes.

Wie überhaupt den ganzen Abend über fabelhaft gesungen wird: Hellen Kwon liefert eine perfekt ausbalancierte Leonora ab. Paul Lyon, Ashley Holland, Andreas Hörl und Rainer Maria Röhr gestalten ihre Partien eher holzschnittartig, folgen damit aber deren Anlage. Und Yvonne Naef hofft so traumverloren traurig, dass "vielleicht dort, am Ende dieses Jahrhunderts das Böse ausgetilgt ist", dass ihr Applaus selbst den für Milva übertönt. Der hat Berio die kommentierende Cantastorie, die Geschichtensängerin, in die rauchige Kehle komponiert. Und die Chanteuse füllt noch immer jeden Saal mit ihrer gewaltigen Stimme (es ginge wohl auch ohne Verstärkung), mit ihrer Präsenz, ihrer Spielfreude. Eine große Frau in einer großen Oper.

© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag

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