| |
ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus
| |
|
Frankfurter Allgemeine
Zeitung
18. September 2002
von Jürgen Kesting |
WENN AUCH DER TOD NICHT WEITER WEISS
Luciano Berios Aktion "La Vera Storia"
als Deutsche Erstaufführung beim Musikfest Hamburg

Karneval des Kummes:
Luciano berio wahre Geschichte in Hamburg.
Foto: Arno Declair
|
|
Luciano Berio ist vielleicht der bedeutendste lebende
Opernkomponist, der noch nie eine wirkliche Oper geschrieben hat.
"Opera e no" überschrieb der Komponist seine Einführung
zu "La Vera Storia", 1982 an der Mailänder Scala
uraufgeführt. Das Werk folgt dem Verfahren einer Versuchsanordnung:
Text und Musik streben auseinander; einem opernhaften ersten Teil
folgt ein zweiter, der weitgehend identische Verse durch veränderte
Musik perspektivierend reflektiert. Zur Eröffnung der Saison
hat die Hamburgische Staatsoper die vexatorische "azione teatrale"
im Rahmen des Hamburgischen Musikfestes am 13. September
in der fast ausverkauften Musikhalle mit einem Frank Zappa gewidmeten
Konzert mit einem unerwarteten Erfolg eingeleitet erstmals
in Deutschland herausgebracht: inszeniert von Henning Brockhaus,
dirigiert von Ingo Metzmacher, der unlängst seiner Kultur-Senatorin
Dana Horakova noch ob der Zwangsjacke von Sparzwängen seinen
Rücktritt angedroht hatte. Es war ein Opern-Topos, der Berio
und seinem Librettisten Italo Calvino die Anregung für das
Vexierspiel lieferte: die Erzählung des Ferrando aus "Il
Trovatore", der seinen Mannen über den Kindesraub im Hause
des "buon Conte di Luna" berichtet. Schon bei Verdi wird
durch die Erzählung der Azucena eine zweite Version dieser
"vera storia" erzählt. Wie im modernen Roman oder
in Kurosawas Film "Rashomon" wird unterschiedliche Wahrnehmung
der Wirklichkeit zum Thema eines Stücks, dessen Einheit auf
der instabilen Beziehung von Musik und Text beruht. "Es ist
die Lüge und das Wissen, dass nicht einmal der Tod sich eins
weiss mit der Wahrheit in einer argen Zeit", singt der Verurteilte
eindringlich: Andreas Hörl), der bei einem Volksfest verurteilt
wird. All das, was nach seiner Hinrichtung geschieht, steht unter
dem Vorbehalt des Möglichen. Ada, vielleicht die Tochter des
Condannato, raubt den Sohn des Herrschers Ugo, der beim Kampf um
Leonora von dem Rebellen Ivo besiegt wird eine Spiegelung
der Figuren-Konstellation Leonora-Manrico-Luna in Verdis Oper, aber
ohne die Auflösung des Konflikts, wohl aber mit einem politischen
Appell: der Bitte um Frieden jenseits eines Saeculum des Schreckens.
Die nur schemenhaft angedeutete Handlung wird im ersten Teil zusätzlich
durch Massenszenen als "festa" beschrieben
zersprengt. Was bei diesem Fest ausbricht, ist, von Versuchen verzweifelter
Munterkeit abgesehen, nicht Frohsinn, sondern die Verzweiflung eines
Lebens unter totalitärer Herrschaft: Unruhe, fiebrige Lebensgier,
ungezügelte Raufereien, panischer Schrecken. Kommentiert und
reflektiert wird dieser Karneval des Kummers von einer nach dem
Vorbild sizilianischer Balladensänger geformten Cantastorie
(Geschichtenerzählerin). Der erste Teil ist in 21 Nummern gegliedert.
Sie sind namentlich genannten Figuren zugeteilt und werden unter
Stichworten wie "Verurteilung", "Der Raub",
"Die Rache", "Die Nacht" in opernhaften Arien,
Duetten und Concertati entfaltet. Berio nutzt dabei lustvoll die
expressive Deklamationen mit folkloristischen, selbst den trivialen
Elementen des Balladengesangs von Strassensängern, begleitet
von Akkordeon, Klavier und Elektrogitarre. Im zweiten Teil ist kein
narrativer Zusammenhang mehr zu erkennen. Unter Wahrnehmung eines
grossen Teils der Verse vollzieht sich die "Handlung"
als Folge der durch die "azione musicale" ausgelösten
Assoziationen.
Henning Brockhaus, langjähriger Mitarbeiter von Giorgio Strehler,
und sein Team (Bühne: Ezio Toffolutti; Kostüme: Patrizia
Toffolutti) situieren das Geschehen auf der Piazza einer in fahl-kalte
Farben getauchten kleinen Stadt vor einem Haus, "mit Geschichte
beladen". Dem vexatorischen Charakter des Stücks entsprechend
wird die Illusion eines realistischen Bühnenbilds dadurch gebrochen,
dass die Kulissen für die einzelnen Episoden hin- und hergeschoben
werden. Im zweiten Teil nehmen die Zuschauer aus den Logen des ersten
und zweiten Ranges auf der Hinterbühne Platz. Von einer Tribüne
aus verfolgen sie ein Bühnengeschehen, bei dem jeder Erzählzusammenhang
aufgelöst ist.
Allein das Tonmaterial mit einer achttönigen Skala ist es,
welche im zweiten Teil die innere Einheit eines musikalischen Theaters
herstellt. Die aus disparaten Elementen zusammengefügte Musik
die Kombination von Cantabile und Clustern wurde vom
Philharmonischen Staatsorchester unter Ingo Metzmacher prägnant
und suggestiv realisiert. Dass Milva, schon in der Uraufführung
die Cantastorie, den stärksten Beifall bekam, verdankt sie
ihrer imponierenden darstellerischen Präsenz und ihrem hinreissend
spontanen (mikroportverstärkten) Singen. Nicht weniger überzeugend
Hellen Kwon als Leonora und Yvonne Naef als Ada, die mit ihrem dunklen,
klangreichen Mezzo von der utopischen Friedenshoffnung sang. Der
amerikanische Tenor Paul Lyon als Luca blieb ebenso blass
wie der Commandante von Ashley Holland. Sehr gut hingegen Marina
Wandruszka, Anna Bergamo und Gabriele Rosmanith in den effektvoll-virtuosen
Partien der Passantinnen.
Nach anfänglichem Missmutsgemurmel ob der vermeintlichen modernistischen
Zumutungen einhelliger Beifall für die so engagierte wie fesselnde
Aufführung.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung
Lies weitere Artikel
über "La vera storia"
|