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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Die Welt
17. September 2002
Von Manuel Brug

DIE OPER, DIE NICHT VON DEN BÄUMEN KOMMT
Auch Milva kann zum Hamburger Saisonstart das Geheimnis von Luciano Berios und Italo Calvinos "La vera storia" nicht lüften



Foto: Zwischen einer Filmkulisse und viel Verfremdung: Sängerin Milva ist die Geschichtenerzählerin der Oper.
 

Zunächst war da ein Grummeln. Hamburgs Kultursenatorin Dana Horákova hatte in der Opernaufsichtratsitzung verfügt, dass aus Kostengründen zwei Produktionen in der nächsten Spielzeit zu streichen seien. Peter Konwitschnys Deutung von Mozarts "Titus" und Bob Wilsons Sicht auf Messiaens "Saint Francois" müssen dran glauben. Als jetzt auch noch die Tarifsteigerungen selbst aufgefangen werden sollten, läutete Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher Sturm: Dann werde er seinen Vertrag nicht verlängern. Zum Saisonstart hat Metzmacher aber erst einmal die Ärmel heraufgekrempelt und Musik gemacht. Schwerverdauliche, gar nicht leicht konsumierbare. Das sich beständig aufsplittende, immer wieder mit neuen Klangmischungen aufwartende Orchester und der polyphon mäandernden Chor (Leitung: Florian Csizmadia) mit seinen stetig herausfallenden Solostimmen und Kleinensembles leisten Großartiges. Doch es verwundert nicht, dass diese Deutsche Erstaufführung von Luciano Berios "La vera storia" erst die dritte szenische Realisierung der spröd fremdartigen, schwerfällig sperrigen - und auch eintönigen - Partitur ist.
Schuld daran scheint auch Italo Calvino. Wie sein Baron auf dem Bäumen, so schwebt das sich vielfach in immer neuen Vexierbildern aufspaltende Libretto ohne Bodenhaftung dahin, wird im zweiten Teil noch einmal anders aufgezäumt, ohne wirklich zu landen. Die Themen um das Fest als Lebens- und Todesfeier, um verführte Kollektive und vereinsamte Individuen bleiben im Ungefähren. Der Gegensatz zwischen der Nummernoper des 19. Jahrhunderts am Beispiel von Fragmenten aus Verdis "Troubadour" - Kindesentführung, Brüderduell, Frau zwischen zwei Männern, Verhaftung, Folterung, Tötung des Rivalen - wirkt abgehoben; auch wenn sich Hellen Kwon (Leonora), Paul Lyon (Luca), Ashley Holland (Ivo) und vor allem Yvonne Naef (Ada) noch so sehr stimmlich wie darstellerisch verausgaben.
Regisseur Henning Brockhaus und sein Ausstatterteam Ezio und Patrizia Toffolutti bemühen sich wenig, die Bedeutungsebenen sinnfällig aufzudröseln. Sie arbeiten mit ein paar zusätzlichen Metaphern und hoffen, dass alles gut ist. Als zusätzlich Sinnschleife sind wir bei einem Filmdreh. Die Dorfpiazza erweist sich schnell als Billigkulisse. Scheinwerfer, Puppen hinter einer Kamera und eine Hilfsdirigentin am Bühnenrand sorgen für V-Effekt. Eine Mischung aus "Don Camillo" und "Rom, offenen Stadt" wird hier im Schwarzweiß-Ambiente, mit Vierziger-Jahre-Kostümen und Faschisten-Uniformen heruntergekurbelt. Im zweiten Teil schaut der Chor von grauen Tribünen bewegungslos zu, wie anonyme "Passanten" noch einmal Handlungsfetzen durch die Bedeutungsmühle drehen.
Zwischen ihnen wuselt als Mamma Roma und sinistre Chansonette, gutes Gewissen und böse Bänkelsängerin, erst schwarzhaarig denn gewohnt rotflammig - Milva. Wie bei der Uraufführung 1982 raspelt sie heiser und guttural die Cantastorie - die Geschichtenerzählerin, die anklagt, zusammenfasst, kommentiert. Mal mit Akkordeon, mit Klavier, Geige, Flöte oder E-Gitarre lässt sie ihre sechs Balladen anschwellen. Ein Brechtisch fremdes und doch leuchtendes Lebenszeichen einer verklausulierten, schon wieder überholten Moderne.
Der Rest ist Regieroutine. Viel Gerenne, ein Schluss als auktoriales Ausrufezeichen, bei dem die Ada ihren großen Moral-Monolog aus dem ersten Teil noch einmal im Abendkleid vor schwarzem Vorhang dem Publikum höchst wirkungsvoll entgegenschleudert. Hamburg hat nun schon zum dritten Mal seine Opernsaison mit einem zeitgenössischen Ausrufezeichen gestartet. Luciano Berio liegt offenbar in der Luft. Der italienische Altmeister ist nach der Salzburger "Cronaca del Luogo", mehrfachen "Un Ré in ascolto"-Wiederaufführungen und seiner aktuellen Turandot"-Komplettierung ein Opernmann der Stunde. Doch dass "La vera storia" eine Kopfgeburt der Oper ist, das erweist sich auch an der Alster als allzu wahre Geschichte.

© Die Welt


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