[Live] [Neuheiten CDs] [Biographie] [Discographie] [Filmographie[Auszeichnungen] [Presse] [Gallerie] [Archiv] [Kontakt] [Links]

 
 

ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Financial Times Deutschland
17. September 2002
von Gottfried Krieger

GESCHICHTE DES SCHÖNEN SCHEINS
Die Hamburger Staatsoper zeigt Luciano Berios Oper "La Vera Storia" mit der göttlichen Milva in einer Hauptrolle



Italienische Nationalheiligtum: Die Rolle der Erzählerin in "La Vera Storia" wurde Sängerin Milva auf den Leib geschrieben.
Foto: Arno Declair
 

Es ist nicht leicht zu sagen, was in "La Vera Storia" passiert. Sagt Luciano Berio. Dabei müsste er es eigentlich am besten wissen, denn er ist der Komponist.
Berio hat in sein 1982 uraufgeführtes Singspiel eine Rolle für die Chanson- und Schlagersängerin Milva hineingeschrieben, und der Auftritt des italienischen Nationalheiligtums ist bis heute die Hauptattraktion dieses unkonventionellen Bühnenkrimis um Liebe, Politik und Kindesentführung. Milvas rauchig-dunkle Stimme und ihr Hang zum ausladenden Spiel stellen einen interessanten Kontrast zu den anderen Sängern dar. Aber der Charakter des Untypischen ist beabsichtigt, zudem besitzt die 63-jährige auch heute noch eine ungeheure Bühnenpräsenz. "La Vera Storia" entstand im Auftrag der Mailänder Scala. In Deutschland nahm sich 20 Jahre lang niemand dieser Oper an, erst die Hamburgische Staatsoper wagte jetzt diesen Schritt.
Wovon also handelt "La Vera Storia"? Nun – zum einen beschäftigt sich die Handlung mit einer anderen Oper, spielt mit Versatzstücken des "Troubadour". Kein italienischer Komponist kommt anscheinend an Verdi vorbei. Auch Berio nicht, obwohl er in diesem Fall ganz auf musikalische Anklänge verzichtet. Lediglich die Hauptfiguren im ersten Teil der Oper, die Abfolge der Soli, Duette, Terzette und Quartette erinnern an das große Vorbild.
Um ihren Vater zu rächen, raubt Ada das Kind des Kommandanten, Luca. Als Erwachsener steht dieser seinem Bruder Ivo gegenüber, beide gehören unterschiedlichen politischen Lagern an. Es kommt zum Kampf und zur Verhaftung Lucas. Leonora, möglicherweise einst die Geliebte Ivos, setzt sich anschließend für Lucas Befreiung ein.
Die Textvorlage verzichtet auf eine psychologische Zeichnung der Figuren, fasst vielmehr die menschlichen Grundkonflikte in poetische Bilder. Um die lyrische Stimmung zu brechen, bedienen sich Berio und sein Librettoschreiber Italo Calvino der guten alten Brechtschen Verfremdungstechnik: Eine Erzählerin kommentiert in ihren Balladen einzelne Szenen. für Milva eine Paraderolle. Doch ihre knallroten Haare muss sie im ersten Teil der Oper unter einer schwarzen Perücke verstecken. Regisseur Henning Brockhaus, der aus dem Stall des italienischen Brecht-Experten Giorgio Strehler kommt, und sein Ausstattungsteam Ezio Toffolutti (Bühne) und Patricia Toffolutti (Kostüme) lassen die Handlung in der Umgebung eines 50er-Jahre-Filmstudios spielen.
Gedreht wird in Schwarzweiss – Pfaffen, Huren, Faschisten, Kommunisten, Bettler, Bürger, nichts ist wirklich in dieser Fabrik des schönen Scheins, alles richtet sich nach dem Blickwinkel der Kamera und dem kurzen Moment der Aufnahme. Im ersten Teil mischt Berio stilistische Elemente die das ganze Spektrum von Folklore über tonale Anklänge bis hin zu rhythmisch scharf gezeichneten und tonal frei gestalteten Passagen abdecken, wobei das Philharmonische Staatsorchester unter Leitung von Ingo Metzmacher an diesem Abend höchstens 80 Prozent seiner Möglichkeiten ausschöpfte.
Der zweite Abschnitt verwendet weitgehend das gleiche Textmaterial, präsentiert es aber inhaltlich und musikalisch in einem neuen Zusammenhang. Nun gibt es keine Figuren mehr, nur noch einen Chor und Passanten mit Nummern statt Namen. Die Stimmung ist angstvoll, die Musik klagender als zuvor – linearer, getragener, oratorienhafter. Die Inszenierung versucht das gesamte haus zum Klingen zubringen. Ein Teil der Musiker und des Chores tauscht mit den Zuschauern in den Ranglogen die Plätze. Die Grundaussage dieser Oper ist: Zu jedem Ereignis gibt es nicht nur eine wahre Geschichte.
Beim Schlussapplaus musste sich Milva dem kräftigen Mezzo von Yvonne Naef (Ada) geschlagen geben. Die Inszenierung fand beim Premierenpublikum keine überschwängliche, aber eine freundliche Resonanz.


© Financial Times Deutschland


Lies weitere Artikel über "La vera storia"



Homepage | Milva la rossa official website ©2003 Milva