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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Süddeutsche Zeitung
17. September 2003
von Jörg Königsdorf

GÖDEL, ESCHER, BERIO
Luciano Berios "La vera Storia" an der Hamburgischen Staatsoper

Es gibt kein Zurück. Fängt man erst einmal an, sich über den schlichten und zugleich enigmatischen Titel von Luciano Berios "La vera Storia" den Kopf zu zerbrechen, ist man schon mittendrin im Gedankenlabyrinth, in dem jeder scheinbare Ausweg nur zum nächsten Zweig am Entscheidungsbaum führt. Denn – um nur ein Beispiel anzuführen: Wessen Geschichte soll hier überhaupt präsentiert werden? Die Manricos und Leonoras (Opernfreunden aus anderen Zusammenhängen bekannt)? Die der Oper, der Musik, des Festes als ritueller Form, gar der Menschheit überhaupt? Ja, so Schwindel erregend hoch hinauf geht es hier ganz schnell!. Und, Hand aufs pochende Herz, ist das, was der "singende Mensch" auf der Opernbühne erlebt und erleidet, nicht auf seine eigene Weise immer wahr – so abstrus der äußere Handlungsverlauf sich auch darstellen mag?
Berios 1982 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper stellt sich all diesen Fragen und entzieht sich ihnen im selben Moment wieder – natürlich geht es bei alledem zweieinhalb Stunden lang vor allem um die Wahrheit, im gesellschaftlich-politischen Sinn ebenso wie in der Kunst, hier in ihrer hypertroph-repräsentativsten Erscheinungsform, der Oper. Die "Vera Storia" ist wohl das erste Werk des Musiktheaters, das die Fragen nach seiner Bedeutung und Existenzberechtigung selbst stellt – ein Perpetuum mobile, ähnlich wie die Fantasiegebilde des ebenfalls in den siebziger Jahren wiederentdeckten Grafikers C. M. Escher. In ihrer Verweigerung einer konkreten, allein selig machenden Heilsbotschaft, wie sie zeitgleich noch die Opern Luigi Nonos verkündeten, ist diese "Wahre Geschichte" zugleich das erste – und bislang vielleicht wichtigste – Stück postmodernen Musiktheaters.
Erstaunlich genug, dass es zwanzig Jahre gedauert hat, bis sich mit der Hamburgischen Staatsoper ein deutsches Opernhaus an dieses Werk wagte, auch wenn gerade diese zeitliche Distanz den kunstvolle Skeptizismus Berios und seines Teil-Librettisten Italo Calvino umso klarer hervortreten lässt. Denn jenseits aller vergrübelten Logeleien und zeitgeschichtlichen Bezüge (wie sei bei der Uraufführung vor zwanzig Jahren zwangsläufig im Vordergrund standen) macht die Hamburger Aufführung vor allem deutlich, dass die "Vera Storia" ein Epoche machendes, aber in seiner Vielschichtigkeit und dramatischen Präsenz auch über seine Epoche hinaus gültiges Stück Musiktheater ist.

Mehr Sein als Schein?
Das Spiel von Schein und Sein stellt Regisseur Henning Brockhaus schon von Anfang an fast überdeutlich heraus: Die an sich schon aus- und nachgestellte Geschichte, die im ersten Teil die Grundzüge der Handlung von Verdis "Trovatore" spiegelt, siedelt Brockhaus zwischen den grauen Kulissen der Cinecittà an: Die Häuserfronten seiner römischen Piazetta verschieben sich von Szene zu Szene, der bei Berio in Luca umgetaufte Manrico (Paul Lyon singt ihn bewusst künstlich mit ätzend scharfem Timbre und aufgesetzten Schluchzern) und sein Bruder Ivo (Ashley Holland) absolvieren ihre theatralischen Showdowns quasi vor laufender Kamera. Doch auch das Filmteam, das die Akteure begleitet, besteht nur aus Schaufensterpuppen, die auf ihrer Rampe über die Bühne gefahren werden. Alles ist inszenierter Schein – und durch seine handgreifliche Bühnenpräsenz zugleich auch ein Sein, das sich seine Glaubwürdigkeit durch die Musik erkämpft: Durch die Chorsätze in ihrem beunruhigenden, labilen Gleichgewichtszustand zwischen orgiastischer Festlichkeit und fanatischer Aggressivität, die wie eine logische Konsequenz der Massenchöre aus Puccinis "Turandot" klingen; durch die Soloszenen, die mit ihrem monodischen Gestus und ihren neobarocken Verzierungen direkt bei Monteverdi anknüpfen. Und nicht zuletzt auch durch die gelegentlichen Abschweifungen in "bodenständige" Popularmusik, die Chanson-Star Milva (wie schon bei der Premiere vor zwanzig Jahren) als Balladensängerin mit rauer Brecht-Stimme vorführt.
Die von Hamburgs GMD Ingo Metzmacher mit der für ihn typischen weißglühenden Präzision herausgespielten Bezüge transportieren die eine im Kern konservative Botschaft: Es ist gerade die ritualisierte Form des Festes, die das Funktionieren der Gesellschaft und ihre elementare Überlebensfähigkeit garantieren: In der Bühnenhandlung, wo Gut und Böse, Manrico-Luca und Luna-Ivo bei ihrem Streit um die engelhafte Leonora (Hellen Kwon) zu den notwendigen, in ihrer Gegenläufigkeit dennoch zusammenwirkenden Antriebskräften des sozia len Zyklus von Entstehen und Vergehen werden. In der Kunst, wo der Rückgriff auf die Tradition und die repräsentative Form die Emotionen kanalisiert und konsensfähig macht. Und im wirklichen Leben, wo die Besinnung auf ein archaisches Zusammengehörigkeitsgefühl auch Perioden von Diktatur und Terror überdauert.

Wer’s glaubt, wird rührselig
Dass Berio und Calvino ihre Botschaft unter dem Eindruck der Aldo-Moro-Entführung und der Roten Brigaden formulierten, lässt die Hamburger Inszenierung dabei bewusst außer Acht: Selbst im zweiten Teil, der sich vor diesem Hintergrund auch als politisches Statement verstehen ließe, gibt Brockhaus – zu Recht – der übergeordneten Bedeutungsebene den Vorzug: Bruchstückweise montieren Calvino und Berio hier das Libretto des ersten Teils wieder zusammen. Doch das historische Ritual der Konfliktbewältigung funktioniert nicht mehr: Musikalisch bleiben nur Fetzen der geordneten Motive und des Formenkatalogs des ersten Teils, szenisch hat die amorphe Passantengruppe auf der Bühne jegliche Identifikationsträger verloren und fiebert keuchend, japsend und mit zerrissenen Vokalisen dem Zusammenbruch entgegen. Dass es danach doch noch die Chance auf einen Neuanfang gibt, ist die utopische Botschaft, die nicht Religion und Ideologie, sondern der Kunst vorbehalten bleibt: Vielleicht, irgendwann einmal, singt Ada-Azucena (Yvonne Naef) mit ihrem körperhaft-sinnlich gerundetem Mezzosopran am Ende in Galarobe vor dem Vorhang, "Möglich, dass jenseits dieses Säkulums sich Gutes vorbereitet" tröstet sie ihre Zuhörer. Und das Herz möchte ihr in diesem kostbaren Moment jedes Wort glauben. Egal, was der Kopf dazu sagt.


© Süddeutsche Zeitung

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