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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Lübecker Nachrichten
17. September 2002,
Stuttgarter Nachrichten
17. September 2002,
von Christoph Forsthoff

MILVAS SPÄTER TRIUMPF
In Hamburg: Henning Brockhaus inszeniert "La vera Storia"

Eigentlich ist Berios Oper "La vera Storia" mehr Oratorium als Oper. Oder zumindest ein seh komplexes Spiel mit Fragmenten, Charakteren und Situationen der Gattung. Was der vorgeführte zwanghafte Aktionismus, den Regisseur Henning Brockhaus bei der deutschen Erstaufführung des Werkes im Hamburger Opernhaus damit zu tun hatte, wurde nicht deutlich: Die im Libretto Italo Calvinos erzählte uralte Menschheitsgeschichte von Unterdrückung und Rebellion verpuffte im Bewegungsdrang der Inszenierung.
Dabei haben ihm Patricia und Ezio Toffolutti mit den grau-schwarzen Kostümen und der düsteren Piazza eine Atmosphäre und Räume geschaffen, in denen die thematisierten Konflikte von Volk und macht, das Aufeinanderprallen von Individuum und Gesellschaft, bedrohlich spürbar sind. Doch Berios „wahre Geschichte" verlangt eben neben Aktion auch Reflexion, neben Bilderreichtum auch Problembewusstsein: Erst dann kann hinter der wahren Geschichte eine noch wahrere entdeckt werden, wie der Titel sagen will, könnte der Zuschauer erkennen, dass er es immer selbst ist, der eine erzählte Geschichte zu seiner eigenen Wahrheit zusammensetzt.
Erkennbar sind allein die Parallelen zu Verdis „Troubadour", aus dessen Gefühlswelt die Personen, ihre Geometrie und ihre Gefühle gleichsam herausgeschnitten sind: Da wird ein Mann hingerichtet; dessen Tochter Ada (großartig der gepflegte, klangvolle Mezzosopran Yvonne Naefs) raubt aus Rache einen der Söhne des Kommandanten, der aus Gram stirbt und dessen zweiter Sohn Ivo (mit charaktervollem Bariton: Ashley Holland) die Macht übernimmt. Später begehren die beiden feindlichen Brüder Leonora (Hellen Kwons Sopran klingt fast zu schön für diese leidvolle musikalische Klage), schließlich wird der auf Seiten der Aufständischen kämpfende Luca von seinem Bruder gefangen genommen (Paul Lyon unterliegt dabei auch stimmlich Ashley Holland).
Musikalisch verdichtet sich Berios Sprache im zweiten Teil. Der hervorragend einstudierte Opernchor und ein Vokaloktett bestimmen weit gehend das Geschehen, einen vielstimmig, äußerst farbige Klangtotale und virtuose solistische Figuren nutzen das Vorangegangene wie einen Steinbruch. So entsteht ein großer, Klan gewordener Leidenszug, der auch im Graben zu fesseln vermag: Hamburgs Philhamroniker wechseln unter ihrem Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher zwischen bohrenden Ostinati, schillernden Klangflächen sowie kraftvoll hingefetzten Collagen und bestechen mit feinmaschigen, transparenten Klangbildern.
Hat sich Berio in seinen Formen durchaus gängiger Modelle bedient, so erwiterte er das Opern-Vokabular mit dem „Cantastorie" um eine Strassensänger-Figur, die von Hoffnung und Poesie, von Blut und Gewalt singt und die (wahre?) Geschichte kommentiert. Und wie bei allen Inszenierungen seit der Mailänder Uraufführung 1982 schlüpft Schlager-Star Milva auch n Hamburg in diese Rolle und gibt mit souveräner Allüre und leidenschaftlicher Energie ihre Balladen zum Besten. Wenn die 63-jährige Italienerin in das Geschehen eingreift, nimmt sie noch immer sogleich von der Bühne Besitz, nichts ist im Laufe der 20 Jahre von ihrer faszinierenden Persönlichkeit verloren gegangen. So hat dieser Opernabend seinen eigentlichen Star in einer Chansonsängerin.

© Lübecker Nachrichten, Stuttgarter Nachrichten


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