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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Kieler Nachrichten
17. September 2002
von Elisabeth Richter

WANN VERSCHWINDET DAS BÖSE?
Deutsche Erstaufführung in Hamburg: "La vera storia" von Luciano Berio

Musikalische Wahrheit mag für Luciano Berio allenfalls subjektiv sein. Seine Oper La vera storia, negiert die Existenz nur einer Wahr-Nehmung. Sie stellt sich selbst in Frage. 20 Jahre nach ihrer Uraufführung in Mailand erlebte sie nun an der Hamburgischen Staatsoper ihre deutsche Erstaufführung. Ob er sein Musiktheater-Werk Oper nennen sollte, darauf wollte sich Berio in eine Erläuterung nicht explizit festlegen. Der erste der zwei Teile seiner Oper: Arien, Duette, Chöre erzählen in 21 Nummern auf einem dünnen Handlungsgerüst eine Geschichte, die die Personenkonstellationen und Konflikte in Verdis Troubadour reflektiert und variiert, Und am Schluss raisonniert Ada (Azucena) darüber, wann vielleicht einmal in utopischer Zukunft das Böse ausgetilgt sein werde. Im zweiten Teil werden die Szenen neu gemischt, der Text (Libretto Italo Calvino) ist weitgehend identisch, aber Geschichte und Musik beleuchten die Konflikte unterschiedlich, "als ob zwei Balladen-Sänger jeweils ihre eigene Version der gleicen Begebenheit zum Besten geben" und "jeweils andere Wirkungen hervorrufen wollen" (Berio).
Eine Balladen-(Geschichten) Sängerin läßt Berio tatsächlich in seiner Oper auftreten: Die "Cantastorie", eine Rolle, die Berio für die Schlager-Sängerin Milva schrieb, die sie seit der Uraufführung immer sang, auch in Hamburg. Im Sinne Brechtscher Verfremdung unterbricht sie mit vier populär-musikalischen Balladen die Handlung, geht auf kommentierende Distanz, singt auch einen Hoffnungsschimmer in die trübe Zeit. Eine weitere Ebene zieht Berio mit großen, turbulenten, zuweilen verwirrenden Chorszenen ein, jeweils "Festa" genannt, die Gefühle und Zustände der Masse (des Volkes) vermitteln sollen, wie Unterdrückung, Bedrohung, Rebellion kanalisiert werden, in Gewaltbereitschaft, Anpassung oder Lethargie.
Regisseur Henning Brockhaus – einst Mitarbeiter Giorgio Strehlers in Mailand – handhabte dieses komplexe Stück Musiktheater mit seinem immensen Bühnenaufwand vor allem im ersten Teil recht geschickt. Mobile, grau in graue Bühnenwände (Ezio Toffoluti) mochten für das ewige Grau der sich in Varianten wiederholenden Geschichte stehen. Sie ermöglichen schnelle szenische Wechsel: ein Marktplatz irgendwo in Italien, eine enge Gasse, eine kleine dunkle Nische, die Ecke eines Kerkers. Die "wahre Geschichte" – vielleicht gibt sie es doch? – hält ein im ersten Teil permanent anwesendes Kamerateam fest. Im zweiten hat sich das Stadtambiente zu irgendeinem Schau-Platz gewandelt, hinten sitzen auf einer Tribüne Zuschauer. Alles ist anders, gewandelt. Milva, der Cantastorie, hat es die Sprache verschlagen, sie kann nicht mehr singen, die Menschen sind verloren. Die (Chor) Masse treibt sich selbst als geballte Kraft, als Kugel zusammen, sie kann aber im nächsten Moment explodieren und die Individuen als hilflos-ängstliche Wesen versprengen. Verwirrung, Verkrampfung, Aggression werden fühlbar.
Die Einzel-Agierenden schälen sich heraus. Milva vermag mit ihrem so charakteristischen Stimm-Timbre und in ihrer Bühnenpräsenz einen ungeheuren starken Eindruck zu hinterlassen, auch wenn ihre Stimme mikrophonverstärkt war. Hellen Kwon steht ihr in der exponierten Sopranpartie der Leonora nicht nach. Yvonne Naef (Ada) mit ihrem fantastisch mächtig-sattem, schwarzen Alt vermittelt die traurige Quintessenz der vermutlich leider wahren Geschichte: Nur jenseits der Jahrhunderte, also nie, werde das Böse ausgetilgt sein. Eine bittere Pille. Vielleicht war deshalb der Applaus für diese hoch-lobenswerte deutsche Erstaufführung erstaunlich verhalten. An dem bestens präparierten Philharmonischen Staatsorchester und seinem Chefdirigenten Ingo Metzmacher kann es jedenfalls nicht gelegen haben.

© Kieler Nachrichten


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