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ÜBER
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

    Spiegel Online
16. September 2002
Von Werner Theurich

LA STORIA DELLA BELLA APPARENZA



Milva in "La vera storia": Bodenständige Töne (DDP)
 

Diese "wahre Geschichte" ist natürlich eine mit vielen Blickwinkeln. Es geht um Tyrannenherrschaft und einen Polizeistaat, zwei unversöhnlich verfeindete Brüder und eine große Liebe der beiden zur selben Frau (Verdis "Troubadour" grüßt aus der Ferne). Der Freiheitskampf und das individuelle Leiden sind aber nur Parameter, Muster für eine offene und exemplarische Darstellung auf einer sich stets wandelnden Bühne. Luciano Berio schrieb kein Liebesdrama, sondern eine Oper darüber, wie man eine Geschichte erzählen und sie wahrnehmen kann. Als regietechnische Leitgedanken präsentiert Spielleiter Henning Brockhaus zu Beginn ein Filmteam, das der Szenerie gegenüber gestellt ist - die Sänger, Choristen und Komparsen verhindern in dieser Brechung die Identifikation des Zuschauers mit ihnen. Jetzt lässt auch Bertolt Brecht herzlich grüßen. Er würde sich wohl auch über die Rolle Milvas freuen, die der Komponist extra für die Sängerin schrieb: Sie spielt, nein, sie ist geradezu die "Cantastorie", eine kommentierende Bänkelsängerin, die zwischen den Bildern und Handlungssträngen als Frau aus dem Volk auftritt und mit Naturstimme singt. Kräftig zwar, doch in deutlichem Kontrast zu den Kunststimmen des Ensembles sorgt sie für bodenständige Töne. Bei jeder Aufführung von "La vera Storia" sang, spielte Milva diese Rolle, und entsprechend perfekt fügte sie sich auch in Henning Brockhaus' deutsche Erstaufführung. Der hielt sich klug und streng an die Bilderfolge von Italo Calvinos Librettos Drehbuch, spielte mit zwei Lichtebenen aus grauer Realität und greller Aufnahme-Ausleuchtung, wobei er den Stimmen reichlich Raum zur Entfaltung und den Figuren bei aller sozialkritischen "Aufgabe" Luft zum Atmen ließ.



Hamburgische Staatsoper: Sich stets wandelnde Bühne (DPA)
 


Die Damen gewinnen
Berios Musik, die bewusst nicht die spröde Ton-Schärfe seines Zeitgenossen und Landsmannes Luigi Nono benutzt, schöpft dabei unbekümmert aus Klassik, Jazz, Unterhaltungsmusik, Avantgarde, Geräuschtechnik und lautmalerischen Elementen. Soundtrack pur: Der Filmteam-Einfall drängte sich förmlich auf. Jede Menge Menschen schieben und winden sich zwischen beweglichen Kulissen, eine opulent festliche Chorszene prägt den Beginn, man wähnt sich klanglich irgendwo zwischen "Boris Godunow" und "Taxi Driver". Und die Damen gewinnen schon die erste Runde und beherrschen weiter die Szenerie: Hellen Kwons souveräner und kontrollierter Sopran macht die umworbene Leonora zu einer beeindruckenden und beinahe klassisch klingenden Rolle. Ada, die Rachegöttin, deren Vater gleich zu Beginn zur Hinrichtung geführt wird, spannt einen weiten Bogen zwischen Dramatik und zart lyrischer Intonation - Yvonne Naefs Alt ist gebieterisch und voluminös, mit dunkel strahlender Kraft und wunderbarer Bühnenpräsenz. Keine Frage, diese drei Frauen sind die Gewinner der Inszenierung, da bleiben für die wackeren Herren Ashley Holland (Commandante Ivo), Rainer Maria Rohr (Ugo) und Paul Lyon (Luca) nur die Trostpreise. Aber da alle bis auf Milva hier ihr Rollendebüt lieferten, muss man ihnen eine formidable Ensembleleistung bescheinigen.
Der zweite Teil der Oper offerierte eine interessante Idee: Eine Wiederholung des ersten Teiles aus anderer Perspektive. Das Filmteam zeigte uns nun sein Material, wenn man so will, wiederum eine cinéastische Umsetzung des reflektorischen Gedankens von Komponist und Librettist. Was als Nachdenken über den Inhalt, fast als Parodie von Berio intendiert war, verkam nun ein wenig zum flachen Gag. Zum Zuschauen hatte man Teile des Publikums auf die Bühne gebeten, die nun das Geschehen von einer Zuschauer-Tribüne mit Blick in den Saal verfolgen konnten. Eine nette Idee, doch man ahnt es: Langsam siechte die Filmidee und das Darstellen der Darstellung vor sich hin, bis es auch der Letzte verstanden hatte.



"La vera Storia": Sinn fürs Sinnliche (DDP)
 


Fantasie über Ayler und Shepp
Musikalisch gab es noch einmal eine verspielte und virtuose tour de force durch die Stile. Neben Ingo Metzmachers präzisem und dennoch entspannten Dirigat, das sein Orchester zwischen satten Streicherflächen bis zu krachend schillernden Blechausbrüchen leitete, gab es auch einige solistische Highlights. Ein universitär gezügeltes Saxofonsolo, das wie eine professorale Fantasie über Albert Ayler oder Archie Shepp klang, danach eine aggressiv klagende Klarinette - Herr Berio hatte hier Humor und Sinn fürs Sinnliche.
Die opulente Krönung des Lehrstücks jedoch liefert einmal mehr Yvonne Naefs Ada zum Schluss. Vor dem halb geschlossenen Vorhang beschwor sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und wenn man sich von ihrer ebenso hypnotischen wie biegsamen Stimme davontragen ließ, mochte man fast dran glauben, dass alles einmal besser wird. Aber wir sollen ja denken, nicht mutmaßen. Und so ging der Vorhang dann ohne Tuttidröhnung zu. Eine Premiere, die Höhepunkte, aber auch Brechungen enthielt, und so fiel denn auch der Beifall eher verhalten aus. Jubel für die Sängerinnen und fürs Orchester - doch Berios "Vera Storia" wird in Deutschland wohl auch künftig keine Erfolgsgeschichte werden.

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