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ABOUT "MARIA DE BUENOS AIRES"
BY ASTOR PIAZZOLLA AND HORACIO FERRER
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April 2002
www.egogrip.de |
MELANCHOLISCHES BANDONENON
Astor Piazzollas Tango-Oper "Maria
de Buenos Aires" in Darmstadt

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Milva, der rothaarige Star der siebziger und achtziger
Jahre, denkt noch lange nicht an den Ruhestand, und ihre Stimme ist
jung wie einst. Am 18. April trat sie in einem Gastspiel im nahezu
ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt in Astor
Piazollas Musikspektakel "Maria de Buenos Aires" auf. Viele
alte und junge Milva-Fans hatten sich zu diesem Ereignis eingefunden
und erwarteten einen mitreißenden Tango-Abend.
Astor Piazzolla ist der Altmeister des argentinischen Tangos. Er hat
dieser Musik, die früher in Argentinien eher als anrüchig
galt, zum Durchbruch in den Kon- zertsälen verholfen. Im Jahre
1968 hat er "Maria de Buenos Aires", eine Mischung aus Ballade,
Revue und Kammeroper, auf die Bühne gebracht und damit nicht
nur der Stadt Buenos Aires seine Reverenz erwiesen, sondern das Lebensgefühl
eines ganzen Landes zum Ausdruck gebracht.
Maria (Milva), die Hauptperson, war Arbeiterin und Prostituierte,
bevor sie noch in jungen Jahren starb. Der dämonische El Duende
(Daniel Bonilla Torres) erweckt sie wieder zum Leben und lässt
sie das ganze Elend noch einmal erleben. Sie lernt den Sänger
El Cantor (José Angel Trelles) kennen und verliert durch ihn
wieder den Boden unter den Füßen und schließlich
ihr Leben. Dazu symbolisiert das tanzende Paar Ricardo Barrios und
Marina Fuhr das mal heitere, mal laszive, mal verzweifelte Volk, in
dem Maria lebt und stirbt.
Eine direkte Handlung lässt sich kaum ablesen, denn die temperamentvollen
Ausbrüche El Duendes, die Lieder El Cantors und Milvas sind alle
in Spanisch - ohne "Übertitel", wie bisweilen in der
Oper. Man muss sich also die Abläufe aus Wortfetzen, Mimik und
Gestik zusammenreimen. Aber das spielt keine Rolle, da es hier weniger
um eine Handlung als um die Stimmung einer Gesellschaft geht, für
die diese Figuren stellvertretend agieren.
Liebe, Eifersucht, Ausschweifung, Verzweiflung, Resig- nation und
Aufbegehren wechseln sich ab, und unter allen diesen Emotionen spürt
man einen stetigen Strom der Melancholie, die sich in der Musik des
Orchesters, vor allem des Bandoneons, konzentriert. Wer die Bezeichnung
"Ensemble Tangoseis" zu wört- lich genommen hatte und
hier zwei Stunden feurige Tango-Musik erwartet hatte, sah sich getäuscht.
Zwar spielte die Band auch Tango, aber selbst der war gebrochen und
nur der Schatten des üblichen Tanz- Tangos. Das zeigte jedoch
gleichzeitig, dass der Tango in Argentinien viel mehr ist als nur
flotte, vielleicht etwas laszive Unterhaltungsmusik. Der echte Tango
weist eine wesentlich größere Bandbreite an Metrik, Tempo
und Hartmonik aus, als wir es von der Tanzmusik kennen.
Neben den - relativ seltenen - Tangonummern bietet die Band eine Vielfalt
von Musikstilen, bis hin zum latinisierten Walzer. Was sie alle eint,
ist die kantige Instrumentalisierung und der Verzicht auf eine "angenehme"
weil eingängige Harmonik. Die aus Streichern, Flügel, Gitarre,
Kontrabass, Schlagzeug und - natürlich - Bandoneon bestehende
Band spielt eine stark emotionelle, ja eruptive Musik, die nicht unbedingt
zum Mitsingen einlädt, aber den zerrissenen Charakter der Volksseele
bloßlegt. Konsequent und kompromisslos werden die Violinseiten
mit scharfem, kurzem Strich angerissen, quellen verzweifelte Motive
aus ihnen hervor. Dazu gibt das Schlagzeug einen zwar südamerikanischen
aber durchaus nicht leichtgängigen Rhythmus vor. Die Musik bewegt
sich selbst in den langsameren Stücken nie in ruhigem, sprich
konventionellem Fahrwasser.
Zu dieser Musik singt Milva mit mächtiger Stimme. In ungebrochener
Präsenz zelebriert sie die ausdrucksstarken Lieder, und ihr Alter
sieht man ihr - zumindest auf die Entfernung - nicht an.
Dennoch litt der Abend an einigen Schwächen: Da die Texte großen
Raum einnahmen, beson- ders die von "El Duende", standen
die Zuschauer vor einem Verständnisproblem, sofern sie nicht
gute Spanischkenntnisse besaßen. Damit beschränkte sich
die Rezeption auf die Musik und die Atmosphäre. Für Milva-Fans
mag dies keine Rolle gepielt haben, auf das Verständnis des Stücks
wirkte es sich jedoch negativ aus. Dieser Textschwerpunkt drängte
auch die Gesangs- partien etwas in den Hintergrund, und so Mancher,
der Milvas wegen gekommen war, mag etwas enttäuscht gewesen sein
ob ihrer relativ wenigen Gesangsnummern.
Diese Schwächen wirkten sich auch auf den Schlussbeifall aus,
erhielt doch Milva durchaus nicht stärkeren Applaus als ihre
Kollegen, ja, den meisten Beifall spendeten die Zuschauer anfangs
der Band. Damit konnte jedoch Milva nicht leben und lieferte prompt
eine "Personality-Show" ab. Als brächte das Publikum
ihr "standing ovation", rückte sie ihr Ego nach vorne,
eilte an den Bühnenrand, dankte überschwänglich in
einem Sprachgemisch diesem "wundervollen" Publikum, klatschte
in die Hände, tanzte, und schleuderte die Forderung nach einer
Zugabe in Ermangelung entsprechender Zuschauerrufe selbst ins Publi-
kum, um dann diese Zugabe unverzüglich abzu- liefern. Dann jedoch
versagte das Mikrofon, und den Zuschauer beschlich die Ahnung, dass
dies kein Zufall war. Damit erübrigten sich weitere Zugaben,
und es blieb bei einem kräftigen, aber nicht frenetischen Schlussapplaus,
auch wenn das Publikum zum Schluss Milvas Gestik nach- kam und sich
zu einer Art Ovation erhob, ohne jedoch in spontanen Beifall auszubrechen.
So gut die Stimme der Milva noch ist und so faszinierend das Orchester
gespielt hat, es blieb doch das Manko einer nur in Ansätzen verständli-
chen Handlung und einer sparsamer als erwartet auftretenden Milva.
Vielleicht hatten doch zu viele Besucher die Milva der siebziger Jahre
in Erinne- rung und wollten diese noch einmal erleben.
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