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A PROPOSITO DI...
I SETTE PECCATI CAPITALI

    Märkische Allgemeine Zeitung
2.9.2002
von Albrecht Thiemann

EMPHATISCHE VERHEISSUNGEN
Die Kammerakademie trifft Milva und eröffnet mit Verve und Witz die Saison

Es ist die Doppelrolle ihres Lebens. Wie oft sie die beiden Annas in Kurt Weills und Bert Brechts legendärer Kurzoper "Die sieben Todsünden" zwischen Paris, New York und Tokio schon gesungen hat, weiss die feuerrote Chansonnette aus Italien wohl selber nicht mehr. Zweihundert, fünfhundert, gar tausend Mal? Wenn Milva das Podium betritt, genauer: Wenn sie die Bühne in Besitz nimmt, ist alle Statisterie binnen Sekunden vergessen. Eine wie sie kennt keine Routine, jeder Auftritt, jede Geste, jeder Ton dieser Performerin vermittelt den Eindruck, als ginge es ums nackte Überleben. Es sind die Hingabe, die emphatisch-unbedingte Entäusserungen an ihre glücksuchenden Lieblingsfiguren, die auch Milvas Konzert im Potsdamer Nikolaisaal am Freitag Abend weit über die Prätentionen des showläufigen Diventums hinaushob.
In der literarisch-musikalischen Unterwelt Brechts und Weills hat sie dereinst, als Giorgio Strehler die noch Unbekannte für seine berühmte "Dreigroschenoper" einspannte, ihre künstlerische Mission gefunden und sich bald als eine der großen Interpretinnen des Fachs entpuppt. Aus gutem Grund: Ihre Stimme hat eben jenes angeraute Lenya-Flair, das eher aus dem Milieu als aus dem Musentempel weht. Bei ihr duften die Töne nach Whisky und Zigarren, genau die richtige Mixtur für Weills sündhaft suggestive Abgesänge aus die bürgerliche Moral.
Freilich: Mit dem Vokalquartett Friedmann Blüttner, Volker Arndt, Jörg Gottschick und Oliver Gawlik, die den schönsten A-capella-"Brief aus Philadelphia" schickten, der Anna I und Anna II seit langem erreichte, um mit der Kammerakademie Potsdam unter Christoph Muellers elastischer Regie befand sich der Stargast in bester Familie. Zumal die (noch ein wenig schwunglos gespielte" "Kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester" sowie Hanns Eislers spritzige "Kleine Sinfonie" von 1932 den Boden für das Opus summum und seine gefeierte Exegetin formidabel vorbereitet hatten.
Als die Annas längst wieder schweigend in ihrem kleinen Haus in Louisiana saßen, übernahmen die landesweit aktiven Audioballerinas und Sandra Weckerts famoses Jazzsextett das Geschäft der musikalischen Verheißungen – und mit Verve und Witz, umsonst und draußen in lauer Luft. Pfiffiger, entspannter und wirksamer hätten die Kammerakademie und das Team des Nikolaisaals die neue Saison kaum eröffnen können.

© Märkische Allgemeine Zeitung


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