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A PROPOSITO DI...
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus

   

Neue Zürcher Zeitung
18. September 2002
von Christian Wildhagen

DIE REEDERIN UND IHR KAPITÄN
Turbulenzen an der Hamburgischen Staatsoper

Querelen um Finanzen und Spannungen zwischen Politik und Kultur trüben die Stimmung an der Hamburgischen Staatsoper. Schwierige Voraussetzungen für die Premiere von Luciano Berios «La vera Storia», mit der Ingo Metzmacher die neue Saison eröffnete. Es könnte seine letzte in Hamburg sein.

Bisweilen ergeht es dem künstlerischen Leiter eines Opernhauses wie einem Kapitän auf hoher See: Manchmal gleitet sein Schiff unter vollen Segeln dahin, von Sturm und Wellen unbeeindruckt, ein andermal bläst ihm der Wind so heftig ins Gesicht, dass man den nahen Untergang fürchten muss, und im ärgsten Fall meutert sogar die Mannschaft. Fast noch schlimmer aber ist es, wenn der Kapitän - um im Bild zu bleiben - von seinem Reeder im Stich gelassen wird, und das ausgerechnet in unsicheren Gewässern. Im traditionell maritimen Hamburg steht seit 1997 Ingo Metzmacher auf der Brücke der Staatsoper und dirigiert den hanseatischen Operntanker mit mehr oder weniger Geschick durch die Untiefen des hiesigen Kulturlebens. Seit jedoch vor einem Jahr in dem lange sozialdemokratisch beherrschten Stadtstaat die Regierung gewechselt hat, scheint der Generalmusikdirektor zunehmend vom Glück verlassen.
Nach dem verspäteten Amtsantritt der neuen Kultursenatorin, der früheren «Bild»-Korrespondentin Dana Horáková, ist es in der Kulturszene der Stadt ein offenes Geheimnis, dass es um die Beziehungen zwischen Kulturschaffenden und Politik nicht zum Besten steht. Die parteilose Senatorin, erst hundert Tage nach der übrigen Regierung und nach peinlichem Gezerre ins Amt berufen, verfolgt denn auch im Gegensatz zu ihrer SPD-nahen Vorgängerin ein vages Konzept von bürgerlicher Eventkultur mit glanzvollen Grossereignissen und vorzugsweise populären Namen, die sich irgendwann in einem «Hanse-Festival» vereinigen sollen - einer kulturellen Schauveranstaltung, wohl ganz nach dem Geschmack der Schönen und Reichen in der Stadt, die überdies schon bald in einem Atemzug mit Bayreuth und Salzburg genannt werden soll.

Rücktrittsdrohung
Dass sich dieses eher rückwärts gewandte Repräsentationsdenken nur bedingt mit der Planung eines zeitgemässen, auch dem Neuen gegenüber aufgeschlossenen Opernprogramms verträgt, liegt auf der Hand. Zumal Ingo Metzmacher, der GMD und künstlerische Leiter des Hauses, ausdrücklich angetreten war, das Erbe seiner Vorgänger Rolf Liebermann und Peter Ruzicka fortzusetzen, die die Staatsoper mit Uraufführungen von Schönberg bis Lachenmann zu einer Hochburg der Avantgarde gemacht hatten. Wie eine Bombe schlug deshalb ein Artikel des «Hamburger Abendblattes» ein, in dem sich die massgebliche Zeitung vor Ort ausführlich über die strukturellen, finanziellen und künstlerischen Defizite des Hauses Gedanken machte und pointiert vor einem «Abstieg in die Regionalliga» warnte. Von Spannungen zwischen Metzmacher und dem Philharmonischen Staatsorchester war dort zu lesen, von der verblassten Leuchtkraft des Hauses, das einmal «Opernhaus des Jahres» war, und von konzeptionellen Missgriffen.
Seither ist die Staatsoper nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ende August wandte sich Metzmacher selbst an die Öffentlichkeit, nachdem die Kultursenatorin ihr Subventionsfüllhorn ausgerechnet über einem Konkurrenten, den Hamburger Symphonikern, ausgeschüttet hatte: Wenn die Stadt sich weigere, die anstehenden Tariferhöhungen in voller Höhe auszugleichen und ausserdem den Etat um etwa 1,5 Millionen Euro zu erhöhen, werde er 2003 von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen. Gleichzeitig gab Metzmacher bekannt, dass in der nächsten Saison geplante Premieren von Messiaens «Saint François d'Assise» in der Regie von Robert Wilson und Mozarts «Titus», inszeniert von Peter Konwitschny, aus finanziellen Gründen entfallen müssten.

Saisonauftakt mit Berio
Vor diesem Hintergrund wurde die Premiere von Luciano Berios «La vera Storia» mit doppelter Spannung erwartet - umso mehr, als Dana Horáková auf die Rücktrittsdrohung umgehend gekontert hatte, sie lasse sich auf keinen Fall erpressen. Die Eröffnung der neuen Saison mit einem Opernwerk der Gegenwart gehört seit drei Spielzeiten zum Konzept. Mit den «Drei Schwestern» von Peter Eötvös, der Politparabel «We come to the river» von Hans Werner Henze und Berios 1982 an der Scala uraufgeführtem Stück fanden so drei sehr unterschiedliche Formen modernen Musiktheaters ihren Weg auf die Hamburger Bühne, allesamt als Erstaufführungen. Dass man dennoch mit der jüngsten Premiere nicht recht froh wurde, lag an der etwas eindimensionalen Inszenierung und Ausführung.
Der Regisseur Henning Brockhaus hatte sich von seinem Bühnenbildner Ezio Toffolutti einen jener typisch italienischen Plätze im Renaissancestil nachbauen lassen, wie sie jeder Toskana-Reisende kennt und liebt. Allenfalls das fahlgraue Licht (Franco Ferrari) deutete darauf hin, dass man sich nicht in eine Aufführung der «Cavalleria rusticana» verirrt hatte. Tatsächlich ergab dieser scheinbar realistische Rahmen mit Allusionen an die Bildsprache Fellinis durchaus einen Sinn: Erzählt Berios «La vera Storia» in ihrem ersten Teil doch - angelehnt an Handlungsmotive aus Verdis «Troubadour» - die alte und leider ewig wahre Geschichte von Machtmissbrauch, Unterdrückung und Hass, von Liebe, Eifersucht und Schuld.
Dabei tat die Inszenierung allerdings in ihrem mitunter plakativen Aktionismus des Guten zu viel, zumal das sentenzenselige Libretto von Italo Calvino eher auf eine abstrakte, weniger handfeste Aussage zielt. Wirklich magische Momente entstanden dagegen selten, und sie trugen fast alle einen Namen: Milva. Die italienische Sängerin, schon in der Scala mit von der Partie, brach als «Cantastorie» - eine Art Conférencier in Brecht- Manier - immer wieder wie die leibhaftige Italianità über das sonst etwas aseptische Geschehen herein; zauberte mit ihrem unverkennbaren Organ Stimmung auf die Bühne und gurrte ihre reizvollen Chanson-Einlagen so hingebungsvoll, als wollte sie partout beweisen, dass auch zeitgenössische Opernkunst viel mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf zu tun hat.
Wenn sich nur ein wenig von dieser Gefühlsunmittelbarkeit auch den übrigen Sängern, namentlich aber dem Dirigenten mitgeteilt hätte. So mühten sich Hellen Kwon als Leonora, Paul Lyon (Luca) und Ashley Holland (Ivo) zwar nach Kräften in ihren anspruchsvollen Parts, über allem aber blieb stets ein Eindruck von Zwang und Unfreiheit im Ausdruck. Das lag vor allem an Metzmacher, der die komplexe musikalische Textur fraglos souverän und akkurat koordinierte; eben diese metronomgenaue Akkuratesse kann jedoch auf Dauer ziemlich freudlos und blutleer wirken - gerade Berios Musik, aber auch die vieler Zeitgenossen verträgt nämlich, entgegen ihrer überwiegend strukturbetonten Rezeption, durchaus etwas Spontaneität und ungezügelte Emotion. Etwas davon war in den Massenszenen zu spüren, die der Staatsopernchor grandios meisterte; Ahnungen, wie ausdrucksstark diese Musik klingen kann, waren aber auch im Schlussmonolog der Ada zu hören, den Yvonne Naef berückend vor halb geschlossenem Vorhang sang. Am Ende gab es ungetrübten, wenn auch wenig überschwänglichen Beifall für alle Beteiligten. Ob die anwesende Kultursenatorin dies in ihrem Sinne gedeutet hat?

© Neue Zürcher Zeitung


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