| |
A PROPOSITO DI...
LA VERA STORIA edizione 2002
di Luciano Berio, testi di Italo Calvino
Regia Henning Brockhaus
| |
|
Der Tagesspiegel
18. September 2002
von Sybill Mahlke |
FEST DES UNHEILS
Was ist Wahrheit? Luciano Berios "La
vera storia" mit Milva an der Hamburgischen Staatsoper

OPERNVAMP: Milva.
Foto: Oliver Fantitsch
|
|
Traulich wie ein altes Schwarzweiß-Foto empfängt
uns das Bühnenbild von Ezio Toffolutti in der Hamburgischen
Staatsoper: mediterrane Kleinstadt-Renaissance, ein Balkon, eine
Laterne, Wölkchen halbmatt, Morgengrauen, das auf die Sonne
wartet. Die Offenheit der Szene darf sich einprägen, während
das Publikum den Zuschauerraum betritt. Die Zusammenarbeit des Komponisten
Luciano Berio mit dem Dichter Italo Calvino hat keine neue Einfachheit
hervorgebracht, sondern stets das Komplizierte und Reflektierte.
1984 inszeniert Götz Friedrich in Salzburg die Uraufführung
von "Un Re in ascolto". Vordergründig gibt es dort
einen Theaterdirektor mit Theaterproblemen, der Prospero heißt
und Shakespeares "Sturm" nahesteht, tatsächlich verbirgt
sich dahinter "eine ganze Welt von verschlüsselten Chiffren"
(Berio). Kurzum: Er möchte, dass wir, die Zuschauer, uns im
Kopf Prosperos befinden und einrichten.
Ein ähnlich geartetes intellektuelles Bekenntniswerk der beiden
Italiener entsteht etwa zeitgleich Ende der siebziger Jahre: "La
vera storia". Obwohl es Anspielungen auf Verdis "Troubadour"
enthält, ist es ebensowenig wie die Prospero-Geschichte eine
Literaturoper. Die inhaltlichen Parallelen gehen so: Zwei Männer
aus politisch verfeindeten Lagern wissen nicht, dass sie miteinander
verwandt sind, Brüder-Feinde, und sie lieben dieselbe Frau.
Die Personenkonstellation Luna- Manrico-Leonora bei Verdi wird von
Berio in das Dreieck Ivo-Luca-Leonora übertragen, da er, gleich
seinem Lehrer Dallapiccola, ein großer Verehrer Verdis ist.
Aber er meidet jede Eindeutigkeit: "Die Figuren dürfen
nicht Gefangene eines Librettos sein." In der zweiten Ebene
des Werkes, offenbar besonders geprägt von Calvino, wird das
Fest in seiner Ambivalenz behandelt, das fröhliche Fest, das
alle Vernunft überschreitet, bis es Zerstörung und Opfer
provoziert. Karneval, Rollentausch, eine Exekution, die mit sadistischer
Freude oder Ekel von der Öffentlichkeit betrachtet wird. Eine
Totenwache der Ada alias Azucena spendet vage Hoffnung: "Vielleicht."
Doch damit endet die Verwirrung nicht, weil "La vera storia"
jene wahre Geschichte, die der Titel verspricht, selbst in Frage
stellt. Auf Teil 1 mit Arien, Terzetten, Duetten und sechs kommentierenden
Balladen folgt der opernfernere zweite Tei: Hier wird der narrative
Faden ganz aufgegeben, der Text indes in seinem dunklen Tonfall
neu zusammengesetzt. Lucas Gefängnismonolog "Eine Wolke
steht da hinterm Gitter", Gedanken, die um das "Gefängnis
in uns" kreisen, sind nun auf eine Vokalgruppe mit Saxophon
und Klarinette verteilt. Milva, die Berühmte, mit der die Staatsoper
punktet, gerät unter die "Passanten", bis die Protagonisten
vom Festtag als einem "Todestag des Unheils" singen und
Ada ihr utopisches "Vielleicht" verhaucht.
Milva war schon 1982 bei der Uraufführung an der Mailänder
Scala dabei. Dass die Deutsche Erstaufführung erst nach zwei
Jahrzehnten erfolgt, verwundert wenig angesichts der verknäuelten
Schwierigkeiten des Werkes. Milva mit ihren Protestballaden in Begleitung
von Gitarren, Geige, Akkordeon oder Klavier auf der Bühne spricht
für sich. Von der Inszenierung jedoch hätte man sich mehr
Aufschlüsselung, Klarheit und Beziehungsreichtum gewünscht,
als der Regisseur Henning Brockhaus sie zu stiften weiß. Ein
sonderbar spießiger Aktionismus macht sich breit, Nutten tanzen
den Schieber, eine Madonnen-Devotionalie wird herumgeschleppt, das
gängige Bild von Geistlichkeit, Militär und Ministranten
ausgebreitet.
Nach der Pause darf ein Teil des Publikums auf der Bühne sitzen,
während die Hauptdarsteller sich umständlich mit Notenpulten
versehen, als wollten sie den Hobby-Musikern in Thomas Bernhards
"Macht der Gewohnheit" nacheifern. Im Saal schleichen
"Schergen" herum und beobachten uns Theaterbesucher mit
scharfem Blick: Polizeistaat überall. In der Slow Motion sind
Anklänge an Video-Installationen zu entdecken.
Es ginge indes mehr darum, wie sich eine Geschichte aus unterschiedlicher
Sicht erzählen lässt. Das Thema ist dem Filmklassiker
"Rashomon" verwandt. Toffoluttis atmosphärisches
Bühnenbild aber fällt abendfüllender Kulissenschieberei
anheim. Der Tatendrang, mit Wänden und Podesten herumzufahren,
läuft Gefahr, die Musik zu überschwemmen. Sie zu ordnen,
beschäftigt Maestro Ingo Metzmacher eine Kodirigentin auf der
Bühne, eine musikalische Souffleuse nicht nur für die
diffizilen Chöre. Helen Kwon (Leonora), Paul Lyon (Luca), Yvonne
Naef (Ada), Ashley Holland (Ivo) und Andreas Hörl (der Verurteilte):
Trotz hohen Einsatzes kann das Ensemble in Hamburg die Frage nicht
beantworten, ob "La vera storia" im Überlebenskampf
der Theater ihre historische Wichtigkeit behaupten wird, nämlich
die einer eigenen Musikdramaturgie.
© Der Tagesspiegel
Leggi gli altri articoli su "La vera storia"
|